Warum die Aufgabe vor dem Werkzeug kommt
Die meisten gescheiterten Agenten-Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern an der Aufgabe: Sie war zu breit („unseren Vertrieb unterstützen“), zu selten (zwölf Vorgänge im Jahr) oder zu teuer im Fehlerfall (Kundenkommunikation ohne Kontrolle). Ein guter erster Agent hat eine enge, wiederkehrende Aufgabe mit klarem Ergebnis, das ein Mensch in wenigen Sekunden prüfen kann.
Dieses Playbook führt in fünf Schritten von der Auswahl bis zum laufenden Betrieb. Es verspricht keine Einsparung und keine Compliance-Freigabe – beides hängt von deinem Prozess, deinen Daten und deiner Rechtslage ab. Es liefert die Fragen, die du vorher beantworten musst.
1. Drei sinnvolle Piloten
- CRM-Notizen als Entwurf strukturieren
- Eingabe: Gesprächsnotiz oder Transkript. Ausgabe: strukturierter Entwurf für die Pflichtfelder (Anlass, Entscheider, nächster Schritt, Datum, Einwände). Der Mensch prüft und speichert. Warum geeignet: hohes Volumen, klare Zielstruktur, Fehler sind sichtbar und billig.
- Eingehende Anfragen vorsortieren
- Eingabe: Anfrage per Formular oder E-Mail. Ausgabe: Vorschlag für Kategorie (passend / unklar / unpassend), fehlende Angaben und zuständige Person – als Entwurf, nicht als Antwort an den Kunden. Warum geeignet: regelhaft, messbar an der späteren Qualifikation, kein Außenkontakt.
- Interne Wissenssuche mit Quellen
- Eingabe: Frage eines Mitarbeitenden. Ausgabe: Antwortentwurf mit Verweis auf die konkreten internen Dokumente, aus denen er stammt. Ohne Quelle keine Antwort. Warum geeignet: Nutzen bei jeder Frage, Fehler durch Quellenprüfung erkennbar, keine Kundendaten nötig, wenn der Dokumentenbestand entsprechend gewählt wird.
2. Auswahlraster
Bewerte jeden Kandidaten in vier Dimensionen. Ein Pilot braucht in den ersten drei hohe Werte und in der vierten einen niedrigen.
| Kriterium | Frage | Guter Pilot |
|---|---|---|
| Volumen | Wie oft kommt der Vorgang pro Woche vor? | Häufig genug, dass sich Aufbau und Betrieb lohnen |
| Regelhaftigkeit | Lässt sich in Sätzen beschreiben, was ein gutes Ergebnis ist? | Ja, mit wenigen Ausnahmen |
| Datenqualität | Liegt die Eingabe vollständig, strukturiert und zugänglich vor? | Überwiegend ja; Lücken sind bekannt |
| Fehlerkosten | Was passiert, wenn das Ergebnis falsch ist und niemand es merkt? | Gering: intern, korrigierbar, ohne Außenwirkung |
3. Ablauf von der Aufnahme bis zum Betrieb
Prozessaufnahme
Beschreibe den heutigen Ablauf in Schritten mit Eingabe, Ausgabe, Dauer und Verantwortlichem. Notiere, welche Schritte Ermessen brauchen. Der Agent übernimmt regelhafte Schritte; Ermessen bleibt beim Menschen.
Rechte und minimaler Zugriff
Der Agent bekommt genau die Zugriffe, die die Aufgabe braucht – lesend, wo lesend reicht, auf den kleinsten sinnvollen Datenbestand. Kläre vor dem Start, welche Daten verarbeitet werden, wo sie verarbeitet werden und wer das verantwortet. Ob das in deinem Fall datenschutz- oder compliancekonform ist, entscheidet nicht dieses Playbook, sondern deine Prüfung mit den zuständigen Stellen.
Testsatz
Stelle vor dem ersten Lauf einen Testsatz aus echten, anonymisierten oder nachgebauten Fällen zusammen: Normalfälle (der Alltag), Grenzfälle (unvollständig, mehrdeutig, ungewöhnlich lang) und Fehlerfälle (falsche Sprache, leere Eingabe, widersprüchliche Angaben). Lege für jeden Fall fest, was ein richtiges Ergebnis ist – bevor du das Ergebnis des Agenten siehst.
Menschliche Freigabe
Im Pilot erzeugt der Agent Entwürfe. Ein Mensch gibt frei, korrigiert oder verwirft. Jede Korrektur wird gezählt und nach Art gruppiert. Diese Liste ist deine wichtigste Datenquelle für die Entscheidung, ob der Agent bleibt.
Monitoring
- Anzahl Vorgänge pro Woche und Anteil ohne Korrektur.
- Art und Häufigkeit der Korrekturen.
- Bearbeitungszeit pro Vorgang vorher und nachher (gemessen, nicht geschätzt).
- Ausfälle, Zeitüberschreitungen, leere Ergebnisse.
4. Betriebskosten vor dem Start rechnen
Ein Agent kostet in drei Positionen: einmaliger Aufbau (Prozessaufnahme, Einrichtung, Testsatz), laufender Betrieb (Nutzungsgebühren, Wartung, Freigabezeit der Menschen) und Fehlerkosten (Korrekturen, Nacharbeit). Rechne alle drei, bevor du startest – und rechne die Freigabezeit ehrlich mit: Ein Agent, dessen Entwürfe zu 40 % korrigiert werden müssen, spart wenig.
Ein einfaches Rechenschema reicht für die Entscheidung: Vorgänge pro Monat × (Minuten vorher − Minuten nachher) ÷ 60 ergibt die freigesetzte Kapazität in Stunden. Multipliziert mit einem kalkulatorischen Stundenwert entsteht ein rechnerischer Nutzen; davon gehen die monatlichen Betriebskosten ab. Erst wenn dieser Nettowert positiv ist, lässt sich der einmalige Aufbau in Monaten amortisieren. Die Minuten „nachher“ enthalten dabei die Freigabezeit des Menschen – nicht nur die Laufzeit des Agenten.
- Miss die Minuten vorher an mindestens zehn echten Vorgängen, bevor der Pilot startet.
- Trage die Nutzungsgebühren so ein, wie sie beim erwarteten Volumen anfallen, nicht beim Testvolumen.
- Halte den Stundenwert als Annahme fest und ändere ihn nicht nachträglich, um ein Ergebnis zu retten.
5. Stopkriterien
Lege vor dem Start fest, wann der Pilot endet – in beide Richtungen. Wer die Kriterien erst nach vier Wochen formuliert, bewertet das Ergebnis nach Stimmung statt nach Daten.
- Abbruch
- Korrekturquote nach vier Wochen über einem vorher definierten Wert; ein Fehler mit Außenwirkung; Betriebskosten über dem geplanten Rahmen; Team umgeht den Agenten, statt ihn zu nutzen.
- Übernahme in den Betrieb
- Korrekturquote stabil unter dem Zielwert über mindestens vier Wochen; Bearbeitungszeit messbar gesunken; Verantwortlicher für den laufenden Betrieb benannt; Rechte und Datenflüsse dokumentiert.
- Erweiterung
- Erst, wenn der erste Agent im Betrieb ist. Ein zweiter Pilot startet nicht parallel zum ersten.
Der Automatisierungs-Steckbrief unten fasst alle Punkte dieses Playbooks auf einer Seite zusammen: Aufgabe, Kriterien, Rechte, Testsatz, Freigabe, Monitoring, Kosten und Stopkriterien. Fülle ihn aus, bevor du das erste Werkzeug auswählst.
Downloads
Zum Mitnehmen
Markdown öffnet sich in jedem Texteditor oder Notiz-Tool. CSV-Dateien sind Semikolon-getrennt und öffnen sich direkt in Excel, Numbers oder LibreOffice.
